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Oberwesel

 

Der Beiname »Stadt der Türme und des Weines« passt zu dem von mittelalterlichen Bauten geprägten Oberwesel. Es liegt gegenüber der Loreley und früher nahe den »Sieben Jungfrauen«, Felsen, so genannten Hungersteinen, an denen schon so manches Schiff zerschellt ist. Zur Stadt gehören die Ortsteile Dellhofen, Urbar, Engehöll und Langscheid. Oberwesel ist Teil der Verbandsgemeinde St. Goar-Oberwesel. Hier geschah eine Premiere, deren Tragweite wohl keiner der Beteiligten ermessen konnte: 1843 wurde im Gasthof »Zum goldenen Pfropfenzieher« das Deutschlandlied von seinem Autor Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) zum ersten Male öffentlich gelesen.

Oberwesel wurde bereits vor der Römerzeit von dem keltischen Stamm der Treverer besiedelt. Auch der Name ist keltischen Ursprungs. Die Römer richteten um 12 v. Chr. in »Vosavia« eine Militärstation ein. Die Franken errichteten einen Königshof. 966 schenkte Otto I. den Ort dem Erzbistum Magdeburg, dann kam er an Mainz, bis 1166 Friedrich I. Barbarossa ihn ertauschte. 1216 übergab Kaiser Friedrich II. Stadt und Burg wieder dem Erzbistum Magdeburg, bis sie 1220 endlich gegen 2.000 Mark Silber an das Reich zurückkamen. Seit 1237 reichsunmittelbar, trat Wesel 1254 dem rheinischen Städtebund bei. Es folgte die Befestigung. Kaiser Heinrich VII. verpfändete 1309 und endgültig 1312 Oberwesel und Boppard seinem Bruder Balduin, Erzbischof und Kurfürst zu Trier, wo es blieb. Nicht gerade freiwillig, man versuchte, sich 1389 gegen Kurfürst Werner von Falkenstein aufzulehnen, der Lohn war eine einjährige Belagerung. Die Schönburg hatte sich zur Ganerbenburg entwickelt. Der Einfluss der Herren von Schönburg lässt sich an einem Beispiel illustrieren: Friedrich von Schönburg (1615–1690) führte die Titel Duke of Leinster, Graf von Mertola, Maréchal de France, Grande von Portugal und Chef der kurbrandenburgischen Truppen. Sein Grab befindet sich in der St. Pat-ricks-Kathedrale in Dublin, das seines Sohnes Meinhard in der Westminster-Abtei in London. Die Familie existiert noch, sie lebt auf Schloss Eybach bei Geislingen an der Steige. Der Dreißigjährige Krieg tobte kräftig durch den Ort, der Pfälzische Krieg gab ihm den Rest, die Franzosen steckten die Stadt 1689 in Brand. Dennoch, das 19. Jahrhundert entdeckte das romantische, mittelalterlich anmutende Oberwesel mit seiner unvergleichlich schönen Lage neu. Verständlich, denn trotz aller weiteren Veränderungen ist es noch immer mit seinen Kirchen, der Klosterruine und der erhaltenen Stadtmauer mit 16 (!) Wehrtürmen ein Kleinod des Mittelalters.

Die Stifts- oder Liebfrauenkirche, (rote Kirche genannt), wurde zwischen 1308 und 1351 erbaut. Aussen denkbar schlicht, öffnet sich das in rot und weiß gehaltene gotische Innere zu einem reinen, klaren spirituellen Raum. Der herrliche Lettner, die Fresken mit Darstellungen von Schutzheiligen und ihren Kirchen und der Hochaltar von 1331 sind ein Form gewordenes Lob-lied Gottes. Die Altarbilder, das Sakramentshaus, die Orgel mit stolzen 2788 Pfeifen, die Grablegungsgruppe und die Grabdenkmäler, man sollte sich viel Zeit nehmen, all das gebührend zu erfassen und wirken zu lassen. Die ebenfalls gotische St.-Martins-Kirche (weiße Kirche) von 1303 liegt oberhalb der Stadt und besitzt einen mächtigen Glockenturm, der ursprünglich Teil der Stadtbefestigung war. Vorher stand hier wohl die Kapelle des fränkischen Königshofes. Hier bestechen die Gewölbemalereien und das Chorgestühl aus der Entstehungszeit. Der barocke Hochaltar stammt aus dem Jahre 1682, das gotische Sakramentshaus von etwa 1450. Rheinseitig auf der Stadtmauer befindet sich die Wernerkapelle, Ende des 14. Jahrhunderts als Hospitalkapelle errichtet und gleich ihrer Schwester in Bacharach Ruine. Neben dem mittelalterlich anmutenden Rathaus von 1842 in der Oberstrasse die Ruinen des Minoritenklosters. Es war eines der ältesten Franziskanerklöster Deutschlands und besaß bereits 1262 eine bedeutende Lateinschule.

Die Schönburg, oder, um einmal mehr mit Freiligrath zu sprechen, »der Romantik schönster Zufluchtsort am Rhein« wird wohl im Zusammenhang mit der Schenkung des Ortes Wesel an das Erzstift Magdeburg entstanden sein als Sitz für die bestellten Vögte. Erstmals erwähnt wird sie 1149, im Besitz des Lehenträgers Pfalzgraf Hermann von Stahl-eck. Als Friedrich Barbarossa 1166 die Schönburg und den Ort zurück erwarb, wurde erstmals das Geschlecht Schönburg erwähnt, das rasch wuchs. Deshalb wuchs die Burg mit. Im Jahr 1318 ging sie an Balduin von Trier, während des Dreißigjährigen Krieges war sie bereits im Verfall, 1689 ausgeplündert, niedergebrannt und zerstört. 1796 wurde sie zu französischem Nationaleigentum erklärt. Es folgten zahlreiche Besitzerwechsel, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts der deutsch-amerikanische Bankier T. J. Oakley Rhinelander aus New York die Ruine kaufte und restaurieren ließ. Die Schönburg hat (so ist das mit den Ganerben) drei Bergfriede und eine mächtige Schildmauer, eine der bedeutendsten ihrer Art. Die spätgotische Burgkapelle wurde von Rhinelander auf ihren alten Grundmauern wieder errichtet. 1950 erwarb die Stadt Oberwesel die Burg und baute weitere Teile aus. Heute dient der südliche Teil der Schönburg, die früheren Kemenaten, als Burghotel-Restaurant.

Oberwesel hat zu all dem auch ein Stadtmuseum und ein Bäckereimuseum zu bieten, und natürlich viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

Seit 2006 steht in Oberwesel das Denkmal der Oberweseler Bürger für ihre Jüdischen Nachbarn.

 

(Textfassung aus »Der romantische Rhein« von Thomas Krämer, © Rhein-Mosel-Verlag)

 
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